fein und ripp hat sich dem Verkauf von New Old Stock Bekleidung verschrieben. Beständigkeit ist für den Berliner Familienbetrieb nicht nur ein Qualitätsmerkmal ihrer Waren, sondern ein Wert an sich.
Stoff mit Bestand
fein und ripp hat sich dem Verkauf von New Old Stock Bekleidung verschrieben. Beständigkeit ist für den Berliner Familienbetrieb nicht nur ein Qualitätsmerkmal ihrer Waren, sondern ein Wert an sich.
Die Geschichte von fein und ripp begann mit einem Shirt: naturfarbene Baumwolle, lange Ärmel, Knopfleiste am Revers. Den Klassiker unter den langen Unterhemden bekam Joachim Pianka jedes Jahr in zehnfacher Ausführung von seiner Oma von der Schwäbischen Alb zugesandt. Irgendwann war der großmütterliche Bestand jedoch aufgebraucht, und der Nachschub brach ab. Was in Piankas Kleiderschrank zu einer festen Instanz geworden war, wollte er nicht missen, und er kontaktierte den Hersteller. Der wiederum verwies ihn an einen anderen Textilfabrikanten, der die Produktion zwar bereits 1981 eingestellt hatte, bei dem aber noch Restbestände herumliegen sollten.
Resteberge, sollte man wohl eher sagen, denn was Pianka in den alten Lagerhallen entdeckte, war nicht nur sein geliebtes Oberteil in gigantischer Anzahl, sondern Tonnen von Textilien – vor langer Zeit produziert, vollständig unbenutzt. Einen „New Old Stock“ nennt das der Fachmann, aber das wusste Pianka damals noch nicht. Textilien waren bis dahin nicht sein Geschäft gewesen, sondern der Tourismus. Aber wie das so ist, passieren schicksalhafte Begegnungen meist genau zur rechten Zeit. Denn nach fast 30 Jahren war Pianka seines Reisebüros gerade endgültig überdrüssig und suchte nach beruflicher Veränderung.
So fackelte Joachim Pianka dann nicht lange und rekrutierte seine beiden Söhne, um den Textilberg abzutragen und in ein Berliner Lager zu verfrachten. Von dort aus begann die Familienkombo, die Shirts auf dem Flohmarkt im Mauerpark zu verkaufen: „Die wurden uns aus den Händen gerissen“, erinnert sich Pianka an den überraschenden Erfolg. Beflügelt von der Nachfrage, suchte er nach einem festen Standort. Auf der Kastanienallee, wo ein Modegeschäft an das nächste gereiht ist, eröffnete 2011 dann sein Laden fein und ripp. In dem Familienbetrieb kommt nur Kleidung in die Tüte, die selbst schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Die Ausnahme sind Textilien, die nicht mehr hergestellte Klassiker reanimieren.
Hinter der Ladentheke stehen Vater und Söhne, gewandet in Anzughosen aus grobem Stoff, mit Hosenträgern und weißen, kragenlosen Hemden. Darüber natürlich – stilecht – jeweils eine Weste. Leicht angegilbte Schaukästen geben Auskunft über Färbeprozesse und Zusammensetzungen von Textilien. Dunkle Holzregale, Pappboxen, eine Stuhlreihe aus einem alten Kino, Rollen mit Etiketten, Vitrinen mit Taschenmessern, in Wachspapier eingewickelte Bündel bilden zusammen das Ladeninventar. Und natürlich: Kleidung aus anderen Zeiten.
Knopfhemden aus den 1920er-Jahren hängen neben Nickipullovern der Siebziger, Cardigans aus den Fünfzigern, Frotteehemden und originalgetreuen Wiederauflagen der Pike-Brothers-Jeansklassiker. Darunter stehen klobige Lederschuhe, die aussehen, als könnten sie jeden Kunden überleben. Pianka ist immer auf der Suche nach neuen Stoffquellen und versteht seine Arbeit als Bewahrung von Dingen, deren Wert in unserer Konsumgesellschaft nicht mehr erkannt wird: „Wenn vollkommen unbenutzte Kleidung einfach weggeworfen wird, tut das weh.“ Bei fein und ripp werden vergessene und verschmähte Textilien aufgenommen und zusammengebracht – wie im Fall des schwedischen Wäschesacks aus Canvas, der mit Lederriemen von Armeerucksäcken eine Beziehung eingeht und zu einem unverwüstlichen Taschengespann verschmilzt. Oder die in Deutschland handgefertigten Leinenanzüge, die unwillkürlich Schwarz-Weiß-Fotografien von längst verblichenen Filmhelden heraufbeschwören.
Doch das Gefühl, etwas zu tragen, das auch James Dean zu seinen Lieblingsstücken gezählt hätte, ist nicht das Einzige, was die Textilien von anno dazumal bieten können. Die Baumwolle beispielsweise hatte früher eine wesentlich höhere Qualität und war weniger schadstoffbelastet als heute üblich. Der verarbeitete Faden war länger und deshalb widerstandsfähiger. „Die Sachen sind zehnmal robuster als das billig produzierte Zeug, das man heute zu kaufen bekommt“, versichert Joachim Pianka. Es geht ihm um Haltbarkeit und zeitloses Design, nicht darum, wechselnden Trends gerecht zu werden. Und weil seine Kleidung nicht aus der Mode kommt, gibt es bei fein und ripp auch keinen Sale. Tipps, wie die Klamotte noch länger hält, hingegen schon.
Das tut sie mit der richtigen Pflege. Auch hier ist weniger mehr: Waschen sollte man so selten wie möglich, am besten kalt und das Waschmittel sparsam dosieren. Einst war dieses ökonomische Vorgehen gang und gäbe: „Früher hatten die Leute zwei Hemden, die sie jeweils alle 14 Tage gewaschen haben“, rekonstruiert Pianka. Weil das unseren heutigen Hygienestandards nicht ganz entspricht, würde er Kunden allerdings nicht raten, mit ihrer Oberbekleidung so zu verfahren. Wohl aber mit Jeans. Die bekommen so nicht nur eine längere Lebensdauer, sondern werden zu personalisierten Wegbegleitern, in die sich der eigene Körper richtiggehend einschreibt. Von einer Hose, die einen selbst widerspiegelt, wird man sich auch nur schwer trennen.
Das Konzept, unkaputtbare Kleidung zu verkaufen, die noch dazu das Potential hat, ewig im Herzen und an den Lenden des Besitzers zu verbleiben, scheint nicht gerade die zündende Geschäftsidee zu sein: Kunden von fein und ripp haben selten einen zwingenden Grund wiederzukommen. Das Konzept schafft aber Vertrauen. Und das ist Joachim Pianka wichtig, nicht nur auf den familiären Zusammenhalt bezogen, sondern auch im Umgang mit seinen Kunden. Der Modeunternehmer möchte nicht weniger als „Menschlichkeit vermitteln“. Und sein Konzept geht auf: Mittlerweile hat fein und ripp eine eingeschworene Stammkundschaft, die gern auch mal einfach nur so vorbei schaut. Aber auch viele Touristen und Gelegenheitseinkäufer auf der Suche nach Besonderem zieht es in das Geschäft. Egal, ob gezielt gekommen oder nur hereingestolpert; für jeden nehmen sich Joachim Pianka und seine Söhne Zeit: sie grüßen, umarmen oder schütteln Hände, sie beraten, präsentieren die Kollektionen und klären über die Besonderheiten der jeweiligen Stücke auf.
Was als Geschäftsidee begann, ist für die Familie Pianka mittlerweile zu einer Lebenseinstellung geworden. Die orientiert sich an Werten, die ebenfalls aus einer anderen Zeit stammen könnten, aber keineswegs verstaubt sind: Festhalten an Lieblingsstücken, anstatt sie schnell zu ersetzen; Familienbetrieb statt optimierter Geschäftsführung; Zeit für individuelle Beratung, statt kontrollierter Dienstleistung; Ruhe statt Hektik.
Mit dem Kauf ist die Geschichte von fein und ripp noch nicht zu Ende: Denn wenn man sein neu erstandenes, altes Kleidungsstück zu Hause auspackt und überzieht, geht das Kopfkino an. Das Shirt, die Hose, der Cardigan oder der Pullover, sie alle sind schließlich Zeitgenossen von Marlene Dietrich, Humphrey Bogart oder Marilyn Monroe. Und in diesem Moment wünscht man sich, fein und ripp würde auch Gebrauchtes verkaufen. Dann nämlich wäre es möglich, dass James Dean genau dieses eine Shirt am Astralkörper getragen und sogar ein bisschen reingeschwitzt hat. So aber muss man fein und gerippt an der eigenen Filmkarriere basteln. Möglich ist alles.